Vom literarischen Übersetzen

Das Übersetzen eines literarischen Textes in eine andere Sprache ist eine Kunst für sich.

 

Der Stellenwert, ihre Unverzichtbarkeit für die Entstehung einer Weltliteratur ist unleugbar. Allein die Bibel würde bis heute nur eine Elite zu lesen imstande sein, wenn sich nicht Menschen wie Martin Luther ihrer Übersetzung in die jeweiligen Volkssprachen gewidmet hätten. Zahlreiche Literaten betätigten sich nebenbei auch als Übersetzer: Cicero, Dante, Goethe, Hofmannsthal, Pound, Valéry, Celan usw.; einige Schriftsteller sind sogar zu einem Gutteil durch ihre Übersetzungen bekannt geworden, darunter Namen wie Johann Heinrich Voss, August Wilhelm Schlegel und Vasilij Zukovskij. Auch ist das Übersetzen als solches wiederholt Gegenstand literarischer Werke gewesen, wie bei Goethe oder Cervantes.

Traducción y correcciónOhne die Arbeit der Literaturübersetzer wären die nationalen Buchmärkte nur ein Bruchteil dessen, was sie sind. Zudem wäre die wechselseitige Befruchtung der Sprachen untereinander schwächer ausgeprägt. Diverse Entlehnungen fänden keinen Einzug in fremde Wortschätze, und mit diesen Entlehnungen fehlten auch die durch sie bezeichneten Konzepte. Verstünde man nicht Hundert Jahre Einsamkeit in seiner Ursprungssprache, dem Spanischen, bliebe dem Leser nicht nur der Magische Realismus García Márquez‘ verschlossen, auch die darin vorkommenden Beschreibungen von Orten, Menschen, Traditionen und Lebensbedingungen – und damit die Orte, Menschen, Traditionen und Lebensbedingungen selbst –, die so sehr von anderen Realitäten abweichen können, oft nicht einmal in ihnen vorhanden sind, fänden ihren Weg in andere Kulturkreise. Schokolade etwa ist vom Ursprung her nicht nur ein fremdes Wort, sondern auch ein Nahrungsmittel, das erst von Mittelamerika nach Europa gleichsam übergesetzt werden musste, um hier in aller Munde sein zu können.

Die Übersetzung eines literarischen Textes kommt oft einer Gratwanderung gleich. Als Übersetzer will man den zu übertragenden Text auf der einen Seite so in die Zielkultur integrieren, dass er von deren Lesern möglichst genauso wie von einem Leser der Ausgangskultur rezipiert werden kann. Auf der anderen Seite ist man in dieser Position nicht selten gezwungen, dieses oder jenes Detail in der Übersetzung an die Zielkultur anzupassen, es zu verändern, ja womöglich zu verfälschen, da sonst die Lektüre unverhältnismäßig erschwert würde, etwa durch Fußnoten, explikative Einschübe oder unbekannte Begriffe, die man aufwendig nachschlagen muss, so sich ihre Bedeutung nicht aus dem Kontext ergibt. Aus diesem Dilemma des Übersetzers heraus ist schon früh die Wendung „so treu wie möglich, so frei wie nötig“ entstanden. Bereits Friedrich Schleiermacher (1768-1834) thematisierte den Spagat zwischen „verfremdender“ und „einbürgernder“ Übersetzung: eine Ausrichtung entweder zugunsten des Lesers oder des Originals. „Verfremdend“ meint hier die weitgehende Beibehaltung kultureller Spezifika aus dem Ausgangstext in der Übersetzung; so werden etwa in der Zielkultur unbekannte Konzepte mit ihren originären Bezeichnungen übernommen, d. h. es werden für sie keine Entsprechungen in der Zielsprache gesucht oder erfunden. Dem gegenüber steht die sogenannte Einbürgerung, bei der der Ausgangstext in der Übersetzung so weit umgeändert wird, bis er sich nahezu nahtlos in die Zielkultur einfügt. Teilweise wird dabei versucht, den Umstand, dass der Text ursprünglich aus einer anderen Sprache/Kultur stammt, für den Leser der Empfängerkultur vollkommen auszublenden. Das Paradebeispiel für diese Methode stellen die Belles Infidèles dar, die vom 16. bis ins 18. Jahrhundert in Frankreich dominierten. Diese Übersetzungen waren so eng an die französische Kultur angearbeitet, dass man sie für Werke heimischer Schriftsteller halten konnte.

cropped-Brücke-im-Tiergarten-3.jpgTrotz der augenscheinlichen Nähe zwischen den Oppositionspaaren ‚frei vs. treu‘ und ‚einbürgernd vs. verfremdend‘ sind diese nicht zwangsläufig miteinander gleichzusetzen. Vielmehr verhält sich das erstere zum letzteren wie ein Hyperonym und ist ihm also gleichsam übergeordnet, kann doch eine Übersetzung durchaus frei im Verhältnis zu ihrer Vorlage sein – etwa auf lexikalischer, syntaktischer oder rhythmischer Ebene, je nach Belieben des Übersetzers oder Lektors –, ohne gleich der Zielkultur auf den Leib geschneidert zu sein.

Welche Methode ist nun die bessere? Es ist wohl wie mit fast allem im Leben: Die Mitte ist golden. Man sollte zwischen den beiden Extremen vermitteln und sie in ein Gleichgewicht bringen. Treue darf nicht bedeuten, dem Originaltext aufs Wort zu folgen; das ist auch gar nicht möglich, da es im Grunde keine pauschalen 1:1-Entsprechungen zwischen den Elementen der Sprachen gibt (genauso wenig, wie es absolute Synonymie gibt), weder lexikalisch noch morphologisch noch syntaktisch – und wenn, dann wären sie willkürlich. Vielmehr muss es darum gehen, den Text in seinem Wesen zu begreifen, ihn in seinem kulturellen, zeitlichen und stilistischen Kontext zu verorten und Parallelen zwischen den beiden Welten, d. h. der Ausgangs- und der Zielkultur, zu erkennen bzw. zu finden. Dies gilt auf allen sprachlichen Ebenen – Lexik, Syntax, Morphologie (z. B. bei Affixen), Tempora, Modi, Anredeformen etc. – genauso bei kulturellen Spezifika, etwa bei historischen, politischen oder gesellschaftlichen Besonderheiten, aber auch bei Elementen, die Komik erzeugen sollen usw. Nehmen wir einen so scheinbar banalen Fall wie ‚Brot‘: Gerade bei derart generischen Begriffen denkt jeder Mensch in erster Linie in prototypischen Formen, in paradigmatischen Vertretern der jeweiligen Sorte. Denkt ein Deutscher an ‚Brot‘, sieht er als erstes einen großen Laib Misch- oder Schwarzbrot vor sich, ein alltägliches, nahrhaftes Lebensmittel, das er in zahlreichen Kombinationen und gern auch als Hauptspeise, beispielsweise zum Abendbrot, genießt. Denkt hingegen ein Spanier oder Franzose an ‚pan‘ bzw. ‚pain‘, sieht er eine Stange Weißbrot vor sich, die lediglich als Komplement zu einer Hauptmahlzeit dient. Beide, Deutsche wie Spanier oder Franzosen, kennen zwar durchaus auch andere Arten und Verwendungen von Brot, assoziieren sie jedoch nicht unmittelbar mit dem jeweiligen Wort ‚Brot‘, da sie eher Randerscheinungen in ihrer kulturellen Realität darstellen. Walter Benjamin etwa beschreibt es in seinem Aufsatz über Die Aufgabe des Übersetzers etwas theoretischer: „In ‚Brot‘ und ‚pain‘ ist das Gemeinte zwar dasselbe, die Art, es zu meinen, dagegen nicht. In der Art des Meinens nämlich liegt es, daß beide Worte dem Deutschen und Franzosen je etwas Verschiedenes bedeuten, daß sie für beide nicht vertauschbar sind, ja sich letzten Endes auszuschließen streben“. Es sollte meines Erachtens nie die Andersartigkeit des Ausgangstextes verwischt werden – im Gegenteil: Durch die respektvolle Wahrung dieser Fremdheit in der Übersetzung erschließt sich der empfangenden Kultur eine neue Quelle des Denkens, ja eine neue Weltsicht, dank neuer Konzepte, Realien, Begriffe, Bilder. Auf diese Weise trägt Literaturübersetzung wesentlich zur kulturellen und sprachlichen Bereicherung bei.

Worum es beim literarischen Übersetzen im Kern geht, ist die Wirkung. Nur ihr sollte der Übersetzer größtmögliche Treue geloben. Er muss erkennen, worauf es in dem Text ankommt, was die Grundpfeiler sind, auf denen er gebaut ist – kurz, wodurch er wirkt. Das kann vielerlei sein, etwa der Sprachgestus, die Rhythmik, der Inhalt, die Dramaturgie, die Figuren usw. Dies spielt sich auf der Makroebene der Übersetzung ab. Auf der Mikroebene muss der Übersetzer in einem fort Entscheidungen treffen, wobei er stets die Wirkung und die Mittel, mit denen diese im Originaltext erzeugt wird, im Auge behalten muss. Bei der literarischen Übersetzung wird durch eine möglichst kunstvolle Verquickung von Inhalt und Struktur ein Text als Gesamtbild in ein fremdes literarisches System übertragen. Darin dürfte auch der wesentliche Unterschied zwischen dieser Art des Übersetzens und der Übersetzung von Sach- und Fachtexten, die i. d. R. semantisch nicht mehrdeutig sind, bestehen: Literarisches Übersetzen ist nicht allein die Reproduktion einzelner semantischer Elemente, sondern die ganzheitliche Transposition eines komplexen kunstreichen Sprachgebildes in einen anderen sprachlichen und kulturellen Kontext.

cropped-Brücke-im-Tiergarten-1.jpgDie Arbeit des Literaturübersetzers besteht in einer komplizierten Kombination aus Rezeption und Produktion. Der Übersetzer muss den zu übertragenden Text im Einzelnen wie in dessen Gesamtheit verstehen und ihn in der Zielsprache (die idealiter keine andere als seine Muttersprache ist) in einer der Vorlage entsprechenden Form wiedergeben. Die Qualität der Arbeit wird maßgeblich davon abhängen, wie bewandert der Übersetzer in der Ausgangs- und der Zielsprache ist, wie gut er die involvierten Kulturen (inklusive der Literaturen) kennt und versteht (auch in kontrastiver Hinsicht) und inwieweit er die individuellen Züge des Autors von eher gesamtkulturellen Spezifika zu unterscheiden vermag.

ÜberSETZEN heißt eben auch ÜBERsetzen.

Mehr Informationen, insbesondere zur rechtlichen und wirtschaftlichen Situation der Literaturübersetzer, aber auch zu aktuellen Ereignissen in der Branche finden Sie u. a. auf den Seiten des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke e. V., kurz VdÜ, sowie des Deutschen Übersetzerfonds.

Die uniforme Bezeichnung „Übersetzer“ umfasst selbstverständlich sowohl die männlichen wie die weiblichen Angehörigen dieser Berufsgruppe und impliziert keinerlei Wertung.