Lectura en alemán

El siguiente cuento forma parte de mi primera publicación como traductor literario, el libro Inocencia – Sieben Geschichten über einen Anfang (Inocencia – Siete cuentos sobre un incio) del chileno Juan Riquelme Lagos. Al autor, que lleva viviendo cerca de treinta años en mi ciudad natal, Berlín, lo conocí en 2011 a través de un foro digital de traductores literarios cuando él andaba buscando desesperadamente un traductor capaz de reescribir sus cuentos en alemán tal y como él se lo imaginaba. Le costó cuatro intentos en total. Los tres primeros no lograron satisfacerle del todo. Sólo al cuarto intento dio, finalmente, con lo que buscaba. Mi segunda publicación, la novela Im Schatten des Nachbarn (El Vecino), vio la luz en septiembre de 2013. Probablemente se publicará asimismo antes de final de año la novela corta Don Nica – ambos libros del mismo autor y, por supuesto, del mismo traductor.

Juan Riquelme Lagos: Margarita

En: Inocencia – Sieben Geschichten über einen Anfang

Editorial: Kulturmaschinen

El texto original se puede leer aquí.

 

Juan Riquelme Lagos: InocenciaEs war eines jener Erlebnisse, die man wohl niemandem wünscht, weder sich selbst noch Anderen, und noch weniger einem Steppke, der gerade erst angefangen hat, sich mühevoll aufzurichten, um über den eigenen Horizont hinaus neugierig nach der Welt der Erwachsenen zu spähen. Vielleicht konnte die Ungereimtheit ja deshalb so lange in den Tiefen meines Gedächtnisses überleben, zusammengekauert, scheinbar wie ausgelöscht, ähnlich der nicht zur Gänze erstickten Überbleibsel eines unerklärlichen, hässlichen Brandes, dessen modriger Nachgeruch wohl jeder heruntergewürgten und schlecht verdauten Erfahrung innewohnt.

Margarita war so alt wie ich, sieben oder acht Jahre. Wir spielten oft zusammen, mal in ihrem Hof, mal in unserem, und das, obwohl unsere Mütter einander nicht ausstehen konnten. Erwachsenenzeugs, dachten wir uns so und übersprangen gleichgültig die Vorurteile und Feindseligkeiten, die die beiden in Form von Schweigen, Blicken und Gesten aufeinander abfeuerten. Trotz der doppelzüngigen und hinterlistigen Scharmützel der beiden untereinander schienen sie unser spielerisches Treiben doch weitgehend zu akzeptieren, denn in unsere Welt mischten sie sich praktisch nie ein; so ergriffen sie nie konkrete Maßnahmen zur Verhinderung unserer stets voll Eifer ausgeführten Exerzitien, wenn wir Familie spielten und fingierte Freunde einluden und solche Dinge, oder unserer akribischen Inszenierungen fiktiver Aufgaben, welche in unserer idealisierenden Weltsicht damals das Berufsleben der Erwachsenen ausmachten.

In jenen zarten Versuchen, durch Nachahmung der Erwachsenen wie ebendiese zu sein, war Margarita stets diejenige von uns beiden, die die Zügel fest in der Hand hielt. So bestimmte sie die Rollenverteilung in den einzelnen Akten unseres Spiels und diktierte dabei mit absoluter Selbstsicherheit die Aufgaben der einzigen beiden Darsteller – denn außer uns zweien nahm sonst niemand teil an unserem geheimen Privatleben als beflissenes Ehepaar.

Bereits bevor unser Lustspiel begann, wies Margarita die innere Struktur unserer Familie an, unsere Berufe sowie den Schlafplatz unserer gemeinsamen Tochter: eine abgegriffene, speckige Puppe, die sie Teresita nannte und die stets sofort einschlief, sobald Margarita sie hingelegt hatte in irgendeiner Ecke unseres Heims, das aus einem kleinen Holzschuppen bestand, in dem allem Anschein nach früher einmal Ackergerät gelagert worden war, das heißt, noch bevor das ganze Gelände Stück für Stück durch jenes amöbäische Santiago vereinnahmt wurde, das da unaufhaltsam fortschritt und nach und nach sämtliche der anliegenden ländlichen Gegenden mit Asphalt und Beton versiegelte.

Manchmal spielten wir Doktor und Patientin. Zuerst musste ich Teresita abhorchen und danach gleich Margarita. Sie zog sich dann immer völlig unbefangen und selbstsicher aus, führte meine Hände an die Stellen, an denen es wohl gerade wehtat, wovon meistens der Po betroffen war, und zeigte mir, woher genau unser Töchterchen entsprungen war. Dabei erinnerte ich mich immer an Isabels Öffnung – dieselbe, in die hinein ich ihr zufolge meine Blase entleeren sollte. Ganz im Ernst, ich verstand rein gar nichts: Mir wollte einfach nicht in den Kopf, wie aus diesem Dreieck mit Spalt ein echtes menschliches Wesen herauskommen sollte. Und indem dieses neue Bild an meiner Vorstellung von jenem vielzitierten Klapperstorch rüttelte, der angeblich immer aus dem fernen Paris in unsere kreolischen Gefilde geflogen kam, brachte es schließlich die komplette Illusion zum Einstürzen, die sich da zum einen aus ihrer eigenen Anmut und zum anderen aus dem möglichen Zusammenhang zwischen ebenjenem glanzvollen Überseeflug und den erdfarbenen Neugeborenen in meinem Viertel gespeist hatte.

Ich spielte mit und befolgte blind ihre Anweisungen, so neugierig war ich auf all die Dinge, von denen Margarita viel besser und genauer Bescheid zu wissen schien als ich. Alles lief idyllisch vor sich hin in unserer kleinen, glücklichen Familie (Geld brauchten wir keines, um unsere Bedürfnisse zu stillen), bis ich eines Tages, als sie mich zum Soldaten bestimmt hatte, der gerade von der Arbeit heimkommt – eine tolle Zeit, in der ich Soldaten noch als Arbeiter ansah –, zu Abend gegessen hatte und daraufhin mit meiner Frau zu Bett ging, die sich sogleich eifrig entkleidete, um mich mit pedantischer Genauigkeit in Sachen Fortpflanzung zu instruieren. Ich spürte erneut, wie in Margarita plötzlich Isabel erschien, und schlussfolgerte daraus, dass die beiden wohl Freundinnen oder Komplizinnen wären, die untereinander ihr okkultes Wissen darüber teilten, wie man die Dinge richtig anging, das heißt, diese anderen Dinge, die wir Männer in dem Alter nur in weiter Ferne erahnen und, ehrlich gesagt, nicht wirklich verstehen. Da ich aber keine tatsächliche Verbindung zwischen den beiden erkennen konnte, und auch aufgrund der vielen nur zufälligen Gemeinsamkeiten, gelangte ich letztlich zu dem Schluss, dass Frauen wohl generell mit mehr Wissen auf die Welt kommen mussten als wir Männer.

Ich weiß nicht, ob es Mutlosigkeit oder Erleichterung war, was mich nach jener aufschlussreichen Feststellung überkam; ich erinnere mich nur noch daran, dass Margarita gerade dabei war, mich auszuschimpfen, weil ich ihren lupenreinen Anweisungen nicht haargenau nachgekommen war, als plötzlich die wuterfüllte Stimme ihrer Mutter ein paar Meter von der Hütte entfernt donnerte. Ich schätze mal, wir waren sofort totenblass vor Schreck, und selbst wenn nicht, so auf jeden Fall mucksmäuschenstill und wie angewurzelt.

Die Frau brüllte erneut nach meinem lieben Eheweib, es solle doch umgehend aus der Bretterbude herauskommen, und falls nicht, „dann hole ich dich da höchstpersönlich raus, du verdammte Göre, du wirst schon sehen, mit mir treibst du keine Spielchen, du freches Miststück“, und noch einige derlei Nettigkeiten mehr, die sie aus ihrem hohlen Schlund rülpste.

Ich dachte damals, ein Soldat dürfe sich eine solche Feigheit nicht erlauben, was sich mir an jenem Tag als wahr bestätigte, genauso wie viele Jahre später auch. Doch ich sagte nichts, begnügte und vergnügte mich stattdessen damit, nicht derjenige zu sein, der Rede und Antwort stehen musste, und wartete auf eine Reaktion meiner besseren Hälfte, die sich ihrerseits, all der sie in diesem Moment beherrschenden Angst zum Trotz, traute, nachdem sie sich die Bluse zugeknöpft und ihr langes, schwarzes Haar samt der verwaisten Spiralen in Ordnung gebracht hatte, aus unserem Loch hervorzukommen.

Ich hörte, wie die Mutter sie lauthals und immer wieder eine Drecksgöre schimpfte und wie Margarita sie um Gnade anflehte, obgleich sie wusste, dass weder Einsicht noch Nachsicht zu den Stärken dieser Jungfer des Satans zählten. Ich nahm all meinen Mut zusammen und lugte durch einen Spalt, um in meinem Zustand zwischen Ohnmacht und Scham mit anzusehen, wie meine Passivität Verrat an meiner Spielgefährtin übte und mit welchem Sadismus die Besessene an Margaritas Haaren zerrte, die in ihren Versuchen, ihr Gesicht vor den Schlägen zu schützen, kaum imstande war, sich überhaupt auf den Füßen zu halten. Es war eine unbegreifliche Szene, die sich da in etwa fünfzig Meter Entfernung, gerade einmal der Weg bis zu ihrem Haus, vor mir abspielte. Für mich waren es Tausende, Millionen endloser Sekunden, die ich in jenem Moment durchlebte, während ich vor Angst erstarrt diesem Trauerspiel ignoranter Obszönität einer schier unfassbaren Mutter beiwohnte. Als die beiden im Haus verschwunden waren, blieb ich draußen, gequält von Entsetzen und Schande, allein zurück.

Wir sprachen nie wieder miteinander, geschweige denn um kindliche Erfahrungen auszutauschen, nicht einmal draußen auf der Straße, wenn wir zusammen mit den anderen Kindern auf dem Bürgersteig herumtollten oder Hopse spielten, um zu sehen, wer am geschicktesten von Feld zu Feld springen konnte. Selbst da mied mich Margarita. Nie wieder traute ich mich, sie anzusprechen oder ihr vorzuschlagen, zusammen mit mir zu spielen. Ich wusste um ihre Furcht und um ihre Scham, die, wenngleich nicht geringer, so doch irgendwie anders war als die meine.

Was ich nicht begriff und was mir stets vorkam, als ob ein Teil im Puzzle meines Lebens fehlte, war der Grund für dieses Vorgehen gegen meine kleine Freundin, und obwohl ich etwas Graues, etwas echt Verdrehtes in dem Kopf der Mutter vermutete – ähnlich eigentlich, wie ich es auch schon bei den anderen Erwachsenen in meinem Umfeld bemerkt hatte –, diente mir ihre Tat letztlich nur als Bestätigung über die offenbare Vulgarität dieser Frau, dieser kaputten Alten, wie meine Mutter sie zu nennen pflegte. Apropos meine Mutter: Sie bekam Wind von der ganzen Sache, weil sich Margaritas Mutter ihr gegenüber ganz unversehens während eines Einkaufs in Don Luchos Kaufladen beschwert hatte. Meine Mutter sprach mich nie darauf an, und wenn ich von den Klagen der unbarmherzigen Hexe erfuhr, dann nur deshalb, weil ich eines Sonntags eine Unterhaltung zwischen meinen alten Herrschaften belauscht hatte, in der mein Vater zunächst wortlos zuhörte und letztlich zu der Einschätzung gelangte, dass eine Einmischung hier nicht nötig sei. „Ist schon in Ordnung, so wird aus dem Jungen wenigstens ein richtiger Mann“, war sein lapidarer, selbstgefälliger Kommentar dazu.

Der Umstand, dass die beiden darüber Bescheid wussten und dass sie mich von meinem vermeintlichen Vergehen gegen den gewohnten Gang der Dinge freisprachen, verschaffte mir ein wenig Erleichterung und ließ mein Schamgefühl etwas schwinden – eine kurze Verschnaufpause, die jedoch keineswegs verhinderte, dass mir Margarita seit jenem unheilvollen Tag als Synonym für schlechtes Gewissen und verworrene Züchtigkeit im Unterbewusstsein hängen geblieben ist. Womöglich rührt es ja daher, dass ich für den Rest meines Lebens nie Ehemann sein wollte – oder Soldat.

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